FINANZPLATZ FRANKFURT: ESG, digitale Infrastruktur, Innovation & „Ökosystem Frankfurt“ (Michael Jakobi, contagi Digital Impact Group)

Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen machen es sich bei der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft nicht leicht. So allgemein akzeptiert die Nachhaltigkeitsziele der UN, so sehr die Worte Ecological – Social – Governance (kurz: ESG) in aller Munde sind, so weit auseinander gehen die Haltungen und Handlungen, wie diese erreicht werden sollen.

Insbesondere in Deutschland ist der Wille immens, die gesteckten Ziele in allen Bereichen und auf die bestmögliche Weise zu erfüllen – technischer Fortschritt soll egalitär, demokratisch und datenschutzkonform sein; die Energiewende die Umwelt schützen, ohne das Wirtschaftswachstum zu gefährden. Zielkonflikte und Grenzen, an die wir so zwangsläufig stoßen, versuchen wir mit viel (technischem) Know-how und noch mehr Kapitaleinsatz zu lösen und zu überwinden.

Im Bereich der Digitalisierung und ihrer dahinterliegenden Infrastruktur wird die Ambivalenz noch deutlicher. Einerseits ist diese ein Schlüsselbaustein für ESG: sei es der Ersatz der Dienstreise durch ein virtuelles Meeting, der Online-Zugang zu Bildungszwecken auf dem Land oder die im Internet frei zugänglichen Informationen zum Handeln der öffentlichen Hand – um nur drei Beispiele zu nennen. Auf der anderen Seite verbraucht Digitalisierung große Mengen an Ressourcen, sei es Strom für Rechenzentren oder Seltene Erden für Batterien und Geräte. Auch setzt sie neue Hürden in sozialer und beruflicher Teilhabe und steht durch die Datensammlung und -analyse, vor allem durch (amerikanische) Großkonzerne, in der Kritik.

AUTOR: Michael Jakobi, LL.M. ist Berater und Projektmanager im Bereich digitale Innovation & Infrastruktur bei der contagi Digital Impact Group – www.contagi.ch
AUTOR: Michael Jakobi, LL.M. ist Berater und Projektmanager im Bereich digitale Innovation & Infrastruktur bei der contagi Digital Impact Group – www.contagi.ch

Die „Lösung“ dieses Spannungsverhältnisses läuft leider oft auf Stillstand hinaus – regulatorische Anforderungen verprellen Investoren, NIMBY (Not in my Backyard) Proteste verhindern oder verzögern kritische Projekte und Prozesse werden „aus Datenschutzgründen“ nicht digitalisiert. Das damit am Ende weder dem Klima noch der Gesellschaft geholfen ist, scheint zweitrangig zu sein.

Gerade in Frankfurt, einer Stadt, die sich von der Banken- zur Daten-Hauptstadt der EU entwickelt (hat), zeigt sich die Herausforderung in der Praxis: so befindet sich die Stadt am Main, trotz fraglos vorhandenem Kapital, Know-how und Infrastruktur, weder auf Smart City Level (Hamburg) noch bei den Start-ups (Berlin/ Rhein-Ruhr/ München) an der bundesdeutschen, geschweige denn europäischen Spitze. Auch mit der Rolle als (weltweit größter) Internetknoten und bedeutender Rechenzentrumsstandort hadert die Stadt – schwierige Energieversorgung, ungenutzte Abwärme, verdrängtes Gewerbe – um nur einige Kritikpunkte zu nennen.

Die neue Regierungskoalition im Stadtparlament ist bestrebt, durch eine Digitalisierungsstrategie auf der einen und regulatorische Anforderungen auf der anderen Seite Abhilfe zu schaffen und nimmt dabei die Betreiber der Rechenzentren in die Pflicht, z.B. beim Thema Abwärme. Hier gibt es mit dem neuen Telehouse Datacenter in der Kleyerstraße auch schon einen Piloten, bei dem in Zusammenarbeit mit der Mainova Rechenzentrums-Abwärme ein Neubaugebiet beheizen soll. Dieses – sehr positive – Beispiel ist jedoch keine Patentlösung, sind die Bedingungen an anderen Standorten doch weit weniger optimal, von der Wirtschaftlichkeit bei der Umrüstung bestehender Infrastrukturen ganz zu schweigen.

Von daher wird sich auch Frankfurt der Herausforderung stellen müssen, ganzheitliche Konzepte in Sachen Digitalisierung und digitaler Infrastruktur zu entwickeln – auf Basis fundierter Daten und unter Einbeziehung nicht nur der Rechenzentren, sondern auch einer Vielzahl anderer Stakeholder vom Start-up bis zum Hyperscaler (AWS, Google, Microsoft & Co). Das sich diese Akteure in Frankfurt und im gesamten Rhein-Main Gebiet auf geografisch engstem und doch international vernetztem Raum befinden, ist dabei eine wichtige Komponente, die menschlich wie technisch Vorteile bringt. Während also Unternehmensserver mit niedriger Latenz Daten austauschen und Großrechner den Einsatz künstlicher Intelligenz ermöglichen, können menschliche Entscheidungsträger und Spezialisten physisch zusammenkommen, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Das die Thematik in den nächsten Jahren an Komplexität und Bedeutung verliert, glaubt niemand. Im Gegenteil, vor dem Hintergrund schwindender Ressourcen und fortschreitendem Klimawandel, sozialer Ungleichheit und politischen Spannungen, benötigen wir die Digitalisierung mehr denn je – für mehr Effizienz und soziale Teilhabe, schlankere Verwaltung und schnellere Prozesse im Allgemeinen. Der nun endlich in vollem Gange befindliche Glasfaserausbau, zusammen mit 5G und seinen Möglichkeiten, vorhandenen Ansätzen wie IoT, KI, M2M usw. zum Durchbruch zu verhelfen, sind hier wichtige Bausteine, ebenso wie Clouds und Applikationen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Erst wenn man Rechenzentren und die dort laufenden Applikationen als Teil eines komplexen Ökosystems, als Teil des gesellschaftlichen Wandels und der Energiewende betrachtet und deutlich mehr Akteure einbindet, kann das Versprechen einer „ESG – positiven“ Digitalisierung eingelöst werden. Ob in Frankfurt, in Deutschland oder Europa, ergibt sich so die historische Chance, digitalen Wandel menschen- und klimafreundlich, frei und demokratisch zu gestalten.


AUTOR: Michael Jakobi, LL.M. ist Berater und Projektmanager im Bereich digitale Innovation & Infrastruktur bei der contagi Digital Impact Group – www.contagi.ch

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ZUSATZINFORMATION / QUELLEN:

Digitalisierung & „Asset-Klasse Rechenzentren“ – Immobilien, REITs und ESG (Gastbeitrag – Michael Jakobi, contagi Digital Impact Group)

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WUNDERKAMMER & FRANKFURT: Geld und Vermögen in der Literatur der deutschen Romantik (Gastbeitrag – Prof. Dr. Patrick Peters)

In der deutschen Literatur der Romantik, die um das Jahr 1800 beginnt und sich in ihren Ausläufern bis weit ins 19. Jahrhundert hinein parallel zu anderen kulturgeschichtlichen Strömungen erstreckt, wird erstmals in nennenswertem Umfang der Themenkomplex Ökonomie und Vermögen diskutiert. Zuvor hatten Diskurse über die Bedeutung und Funktion von Reichtum und Vermögen und die Darstellung ökonomischen Wissens wenig bis keinen Raum. Dies verändert sich in der deutschen Romantik, in der unter anderem die Antithese von Kunst und Ökonomie aufgeworfen wird. Exemplarisch lassen sich die Funktionen von monetärem Reichtum und Fragen von Wirtschaft und Wohlstand an drei beispielhaften Texten von Joseph von Eichendorff, Ludwig Tieck und Richard Wagner zeigen.

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Joseph von Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts gehört zu den bekanntesten und wertvollsten Texten der deutschen Romantik. Der Taugenichts ist der eher arbeitsscheue Sohn eines Müllers, der hinaus in die Welt geschickt wird. Er fällt als Romantiker und (Lebens-)Künstler auf, der optimistisch und mutig in die Zukunft blickt, das Leben wander- und abenteuerlustig auf sich zukommen lässt und am Ende trotzdem sein Glück findet. Diese Haltung hat er mit anderen Figuren der Romantik gemein und strebt dabei nach Individualität und Freiheit und distanziert sich von den vorgegebenen Verhaltensmustern der arbeitenden bürgerlichen Gesellschaft. Er versucht seine ‚romantische‘ Haltung im Alltag umzusetzen und sich von den Fesseln einer auf Erwerbsstreben, Ökonomisierung und Absicherung eines bürgerlichen Lebensstils konzentrierten Gesellschaft zu lösen (vgl. Peters, 2020, 106).

Zwar träumt der Taugenichts von einer bürgerlichen Existenz, „Geld zu sparen wie die anderen, und es mit der Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen“ (Eichendorff, 2007, S. 469), jedoch taugt seine charakterliche Disposition nicht dazu. Der Taugenichts offenbart eklatante Schwächen im Umgang mit Zahlen und der ihm anvertrauten Verantwortung; mangelnde kaufmännische beziehungsweise ökonomische Kompetenz erschweren ihm den dauerhaften Eintritt in die bürgerliche Erwerbswelt. Seine romantische Grundhaltung steht im völligen Gegensatz zu den Erwartungen und Ansprüchen der sich ökonomisierenden Gesellschaft, ökonomisches Wissen lässt sich nicht mit dem Charakter des Romantikers vereinbaren.

Welchen Funktionen werden also ökonomischem Besitz und Wissen zugesprochen? Zunächst erscheint es als ausgemacht, dass diese Eigenschaften als originär für die bürgerliche Sphäre angesehen werden. Der Taugenichts als ausgemachter romantischer Charakter scheint selbst mit den einfachsten Berechnungen überfordert, weil er sich allzu leicht von den Zahlen ablenken lässt. Diesen spricht er gänzlich andere Eigenschaften zu, als sie mathematisch-kaufmännisch haben. Aus den Zeichen für bestimmte Werte und ökonomische Größen werden ulkige Symbole und Personifizierungen, um die Sache erträglich zu gestalten. Ihren ursprünglichen Sinn haben sie völlig eingebüßt, ihre Bedeutung für ökonomische und kaufmännische Vorgänge wird völlig genommen. Die Entökonomisierung der Zahlen steht für die romantische Grundhaltung des Taugenichts und dessen Unmöglichkeit, sich in der bürgerlichen Welt zurecht zu finden. Der Umgang mit Zahlen und Besitz wird als unvereinbar mit der romantischen Lebensart empfunden.

Ludwig Tieck: Der Runenberg

In Der Runenberg (1812) von Eichendorffs Zeitgenossen Ludwig Tieck wird ein junger Mann durch fremdes Gold verdorben und verfällt dem Wahnsinn und Verfolgungswahn. Zunächst gelingt der Hauptfigur Christian alles in der Geldanlage (ökonomische Kompetenz!), die Familie wird reich und angesehen. Aber Christian gerät zunehmend in einen negativen Strudel. Er spricht „irre, vorzüglich des Nachts, er träume schwer, gehe oft im Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle wunderbare Dinge“, spricht immer von dem „Fremden“ und traut sich nicht mehr auf Feld und in den Garten hinaus. Christians einzige Sorge ist, dass der Fremde, der ihm das Gold hinterlassen hat, sein Geld zurückfordern könnte, und auf der Suche nach mehr Reichtum verschwindet Christian im titelgebenden Runenberg. Zwar kommt er später noch einmal zurück, aber nach dem letzten Abschied verliert sich seine Spur. Seine Familie und das Vermögen gehen daran zugrunde.

Der Runenberg ist unter wirtschaftspsychologischen beziehungsweise wirtschaftspsychiatrischen Gesichtspunkten sehr interessant. Wie Othmar Hill (2011, S. 182) schreibt: „Es heißt: Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt. Wir wissen aber aus der Glücksforschung, dass dem gar nicht so ist. Viele unter uns verwechseln in dieser Frage Ursache und Wirkung. Wer Geld besitzt, verliert keinesfalls seine Existenzängste, sondern umgekehrt: Wer Ängste akkumuliert, dessen Lebensgier steigert sich und er/sie verlangt nach immer mehr Geld. Dieses beruhigt nicht, weil Geld keine therapeutische Wirkung hat, sondern nur als Symptom-Pflaster wirkt. Aus diesem Blickwinkel kann es schlicht und einfach nicht stimmen, dass ein Mangel an Geld die Ursache für all unser Unglück sein soll.“

Man findet diese Einschätzung bei Ludwig Tieck im Runenberg wieder. Aus dem Erwerb des Goldes erwachsen große Verlustängste, sodass Christian nach immer mehr Gold strebt, um diesen Sorgen zu begegnen. Dass dies nicht gelingt, sondern Held und Familie in den Untergang führt, zeigt das Märchen eindrücklich. Christian erscheint als pathologischer Fall, der an seiner „Lebensgier“ (Hill, 2011, S. 189) völlig untergeht!

Die Funktion des Geldes ist also die der psychologischen Erschütterung. Tieck macht das neu erworbene Gold zur Ursache allen Übels, das eine freundliche, kleinbürgerliche Familie in ihren Grundfesten erschüttert und nach einer kurzen Phase an der gesellschaftlichen Spitze in den Abgrund führt. Vermögen hat keine positive Rolle, es verspricht kein Glück, sondern ist der Katalysator des Schlechten, denn aus dem eigentlich romantischen Charakter Christians wird ein völlig gebrochener, aber vom Gold bis zuletzt berauschter. Die romantische Lebenswelt wird durch das erworbene Vermögen völlig aus den Fugen gehoben. Wie im Taugenichts ist materieller Besitz der Widerspruch schlechthin zum romantischen Ideal.

Der Autor: Prof. Dr. Patrick Peters
Der Autor: Prof. Dr. Patrick Peters

Richard Wagners Tetralogie Ring des Nibelungen verbindet die mittelalterliche Nibelungensage mit der nordischen Mythensammlung Edda und hat die Nibelungensage zum deutschen Nationalepos gemacht. Im ersten Teil Das Rheingold eröffnet Wagner den Diskurs über die korrumpierende Macht des Reichtums: Der Ring des Nibelungen ist Teil eines legendären Schatzes, der nur Unheil und Verderben für alle Beteiligten mit sich bringt und letztlich die gesamte Handlung bestimmt.

Die Gold-Thematik beeinflusst alle handelnden Personen in Das Rheingold direkt oder indirekt. Die Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhild bewachen das legendäre Rheingold. Sie weisen den Zwerg Alberich ab, der um sie wirbt, sodass Alberich der Liebe abschwört und mit dem Rheingold einen Ring zur Unterwerfung der Welt schmieden will. Nur wer der Liebe abschwört, kann den Schatz besitzen. Daher fühlen sich die Rheintöchter völlig sicher. Schließlich gilt: „Wohl sicher sind wir / und sorgenfrei: / denn was nur lebt will lieben; / meiden will keiner die Minne.“ (Wagner, 1997, V. 269ff.) Das gilt im speziellen Fall von Alberich nicht: Die Gier nach dem Gold überwiegt das Gefühl der Liebe.

Und so raubt Alberich den Schatz und unterwirft sich die unterirdisch hausenden Nibelungen, für ihn große Schätze zusammenzutragen, und tut ihnen durch die Macht des Rings Gewalt an. Die Unterwerfungs- und Beherrschungsfantasien entstammen allein seiner Verfügungsgewalt über den Ring, das Gold hat ihn umgehend in seinen Bann gebracht und ihn moralisch völlig verkommen lassen. Es geht Alberich im Sinne der „Lebensgier“ um den kontinuierlichen Machtzuwachs, und dessen Gier kennt keine Grenzen.

Auf diese großspurige Weise (motiviert durch die Macht und den Reichtum) tritt Alberich auch dem Götterfürsten Wotan gegenüber, der ihn schließlich durch eine List des verschlagenen Gottes Loge (Loki in der nordischen Mythologie) bindet und ihm den Ring und alle Schätze entwendet. Wotan wiederum benötigt den Nibelungenhort, weil er gegenüber der Riesen Fafner und Fasolt wortbrüchig geworden ist, die seinen Götterpalast gebaut haben. Ihnen will er ihren vereinbarten Lohn in Form der Göttin Freia nicht geben, sondern will sie überlisten und verspricht ihnen den Schatz des Alberich, während die Rheintöchter Loge um die Wiederbeschaffung gebeten hatten. Den Ring der Macht indes will Wotan für sich behalten – mit weitreichenden Folgen: Wotans Machtgier, die jener Alberichs kaum nachsteht, hat die Götterdämmerung bereits in Gang gesetzt. Schließlich übergibt Wotan doch den gesamten Schatz und den Ring an die Riesen. Diese geraten darüber in Streit, Fafner tötet seinen Bruder Fasolt.

Der Fluch des Rings hat damit nicht nur den germanischen Göttervater Wotan in seinen Bann und damit beinahe dazu gebracht, eine Göttin an die Riesen als Bezahlung für den Bau der Götterburg zu geben. Er hat auch zum Brudermord von Fafner an Fasolt geführt, seit der biblischen Geschichte von Kain und Abel das schlimmste denkbare Verbrechen. Richard Wagner funktionalisiert den Ring (und den Nibelungenhort) zum Katalysator der gesamten Handlung. Bis auf die Vertragsbrüchigkeit Wotans (der wider besseres rechtliches und ökonomisches Wissen seinen Teil der Vereinbarung auf einmal nicht mehr zu halten gedenkt) resultieren alle bösen Taten aus der Verführung durch den Ring, entstanden aus dem Rheingold. Der Wille zur Macht und Unterwerfung, manifestiert sich im Ring, wodurch dem Ring als Schmuckstück und zentralem Vermögensgegenstand des Nibelungenhorts kaum ein positiver Aspekt attestiert wird. Der Ring ist das große Üble, der Gier entfacht und zum Brudermord motiviert.

Zusammenfassung und Fazit

Die Grunderkenntnis ist, dass Geld und Vermögen keine positive Besetzung finden. Während bei Joseph von Eichendorff materieller Besitz und ökonomisches Wissen letztlich als bürgerliche Konzepte nur milde belächelt werden, ohne dass negative Konsequenzen für eine Figur daraus erwachsen, ist dies bei Ludwig Tieck und Richard Wagner anders. Der Reichtum wird in den beiden Texten zum Motor des Unheils. Die Funktionalisierung des Reichtums und des ökonomischen Wissens wird in allen drei Texten dafür genutzt, negative Handlungs- und Haltungsmuster zu exemplifizieren und dadurch Kritik an bestimmten Verhaltensweisen zu üben. Tieck und Wagner nutzen materiellen Besitz, um zu zeigen, wie Menschen, Zwerge, Riesen und Götter daran zerbrechen können, weil sie nicht die Stärke haben, sich gegen die korrumpierende Wirkung des Besitzes zur Wehr zu setzen.

Die Texte gehören zu einer kulturgeschichtlichen Epoche, die ganz grundsätzlich von Fortschrittsbedenken, Melancholie und Konservatismus geprägt ist. Die Romantiker wollen sich eskapistisch aus dem gesellschaftlichen Leben weitgehend zurückziehen oder einer kleinstädtischen Idylle zuwenden. Ihre Themen sind vor allem Liebe und Natur. Ökonomie und wirtschaftliche Entwicklung werden kritisch gesehen. Rationales Denken und Handeln waren in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst in den Vordergrund gerückt. Die Gefühlswelt der Menschen war dabei allerdings ins Hintertreffen geraten, gerade vor dem Hintergrund der langsam beginnenden Industrialisierung und den damit aufkommenden ökonomischen Spannungen. In einer romantischen, oftmals schwärmerisch-schwermütigen Gedankenwelt hat dieses praxisnahe ökonomische Denken und Handeln keinen Platz und wird als Gefahr für die romantische Idee angesehen.


Literatur

Eichendorff, Joseph von (2007): Ahnung und Gegenwart. Sämtliche Erzählungen I. Herausgegeben von Wolfgang Frühwald und Brigitte Schillbach. Frankfurt am Main: Insel.

Hill, Othmar (2011): „Geld oder Leben! Grundzüge der Wirtschaftspsychiatrie“, in: Thomas Druyen (Hrsg.): Vermögenskultur. Verantwortung im 21. Jahrhundert. Wiesbaden: VS Verlag, S. 181—196.

Peters, Patrick (2020): Romantik. Einführung. Essen: Oldib Verlag.

Tieck, Ludwig (1963): Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Marianne Thalmann. München: Winkler, Band 2, S. 59-83.

Wagner, Richard (1999): Das Rheingold. Textbuch mit Varianten der Partitur. Herausgegeben von Egon Voss. Stuttgart: Reclam.

Über den Autor

Dr. Patrick Peters ist Professor für PR, Kommunikation und digitale Medien an der Allensbach Hochschule. Der Wirtschaftsjournalist und Publizist wurde 2014 in der neueren deutschen Literaturwissenschaft promoviert, veröffentlicht regelmäßig Aufsätze und Bücher zu Themen aus Strategie, Kommunikation und Literaturwissenschaft und unterstützt als Berater für Unternehmenskommunikation Professional Service Firms und Unternehmen der Bau-, Cleantech- und Sicherheitswirtschaft. Der vorliegende Beitrag ist die gekürzte Version des Aufsatzes: „Geld und Vermögen in der Literatur der deutschen Romantik: Funktionen des monetären Reichtums bei Eichendorff, Tieck und Wagner.“ In: Zeitschrift für Interdisziplinäre Ökonomische Forschung (2020). S. 30—37

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FINANZPLATZ FRANKFURT: Wien & Frankfurt – Weltoffenheit, Family Office, Asset Management & Schnitzel (INTERVIEW – Martin Friedrich, Lansdowne Partner Austria GmbH)

„In einer Stadt wie Frankfurt befindet man sich in einer wunderlichen Lage, immer sich kreuzende Fremde deuten nach allen Weltgegenden hin und erwecken Reiselust“ (Johann Wolfgang von Goethe). Wien – Frankfurt – Wien: Markus Hill sprach für FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE mit Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH, über seine privaten und beruflichen Eindrücke aus 16 Jahren Frankfurt-Aufenthalt. Weltoffenheit, Investmentbanking, Family Office, Fondsmanagement und Schnitzel sind zur einige Stichworte des Gedankenaustausches. (Veranstaltungsmitteilung SCOPE & FUND FORUM INTERNATIONAL – 8.6. & 16.6.2021).

Hill: Herr Friedrich, Sie sind Österreicher und leben in Wien, kennen aber auch Frankfurt sehr gut. Woher kommt das?

Friedrich: Nun, ich habe die meiste Zeit meines Berufslebens in Frankfurt verbracht. Ich bin 2002 nach Deutschland gekommen und habe fast 16 Jahre lang am Finanzplatz Rhein/Main gearbeitet. In dieser Zeit hat sich die Stadt sehr entwickelt. Als meine Frau und ich 2002 hierherzogen, war Deutschland so stark von der internationalen Wirtschaftsflaute betroffen, dass es als der „kranke Mann Europas“ galt. Ich erinnere mich noch daran, dass es anfangs praktisch unmöglich war, am Wochenende etwas zu kaufen, da die meisten Geschäfte samstags gegen Mittag schlossen. Selbst Restaurants waren oftmals am Sonntag geschlossen. Heute ist Frankfurt eine ganz andere Stadt. Es ist wesentlich weltoffener geworden, und wir haben Freunde gefunden, die wirklich aus aller Welt kommen. Leider ist ja im Moment alles zu, aber vor dem Lock-down habe ich gerne am Leben in Frankfurt teilgenommen, und nicht nur die Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung, sondern auch das Sport- und Freizeitangebot sehr geschätzt.

Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH
Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH

Hill: Warum sind Sie ursprünglich nach Frankfurt gekommen? Was hat Sie später zurück in die Heimat gezogen?

Friedrich: Bevor ich nach Frankfurt kam, hatte ich in London gearbeitet, für die US-amerikanische Investmentbank Morgan Stanley. Der unmittelbare Anlass für meinen Umzug war rein beruflich bedingt: Damals wurde entschieden, dass meine Beschäftigung, die Betreuung von Fondsmanagern in Deutschland, besser von Frankfurt aus erledigt werden konnte. Ich bin also quasi meiner Arbeitsstelle gefolgt. Die Situation war dem Brexit nicht unähnlich, sie fand nur 20 Jahre früher statt. Nach meiner Tätigkeit bei Morgan Stanley habe ich bei einem Multi Family Office in Bad Homburg, HQ Trust, gearbeitet. Die angenehme Zeit dort zähle ich natürlich auch zu meinen Frankfurter Jahren, zumal sie auch professionell gesehen eine gute Vorbereitung für den Wechsel nach Wien war. Der Anlass war wieder beruflich: Lansdowne Partners Austria bot mir die Möglichkeit, meinen eigenen Fonds auf Basis der von mir entwickelten Anlagestrategie aufzulegen.

Hill: Wo haben Sie sich in Frankfurt am liebsten aufgehalten? Welche sind Ihre schönsten Erinnerungen?

Friedrich: Drei Orte fallen mir spontan ein: zum ersten haben wir natürlich das Angebot an guten Restaurants sehr genossen; an einem schönen Sommerabend saßen wir zum Beispiel gerne auf der Terrasse der Alten Oper. Auch im Restaurant Salzkammer in der Weißadlergasse waren wir oft – es ist nur einen Steinwurf vom Goethe-Haus entfernt und bietet ausgezeichnete österreichische Küche! Am Wochenende sind wir dann häufig auf den Feldberg gewandert; als Österreicher zieht es uns ganz automatisch in die Berge, wie es scheint. Ich erinnere mich, dass es einmal in jedem Winter ein Hundeschlittenrennen rund um den Feldberg gab. Das fand ich sehr schön. Letzlich will ich nicht verschweigen, dass ich ein leidenschaftlicher Golfspieler bin. Und der Frankfurter Golfclub – der 2013 hundert Jahre alt geworden ist – ist wirklich ein Juwel. Dort am 18. Abschlag zu stehen und den Blick auf die Skyline zu genießen, ist für mich immer etwas Besonderes gewesen. 

Hill: Vielen Dank für das Gespräch.



Quelle: www.fondsboutiquen.de

VERANSTALTUNGSHINWEISE (8.6. & 16.6.2021)

  1. ScopeExplorer Manager Conferences
    „Nach der Rallye der vergangenen 12 Monate liegt der Fokus vieler Investoren auf Aktien. Keine Zweifel: Aktien gehören in jedes Multi Asset Portfolio. Aber welche Assetklassen gehören noch hinein? Und vor allem: Wie viel davon? Multi-Asset Stratege und Portfoliomanager Martin Friedrich erklärt im Gespräch mit André Haertel, warum der Lansdowne Endowment Fund neben Aktien noch in über 15 andere Assetklassen investiert, und wie Rendite- und Risiko-Aspekte dabei bestmöglichst austariert werden.“ (ZITAT: Scope GroupLansdowne Partners – ZUSÄTZLICHE INFORMATION: LINK)
  2. Fund Forum International Virtual
    Alternative markets outlook in choppy waters – Macro updates, demands and megatrends: what can we expect from global and Europe’s alternative markets ahead of 2021? Economic shifts and key trends that could impact the industry and asset allocations. 
    Moderator: Martin Friedrich, Head of Economic and Market Research and Portfolio Manager, Lansdowne Partners, Austria  Randall Kroszner, Deputy Dean for Executive Programs and Norman R. Bobins Professor of Economics, The University of Chicago Booth School of Business 
    LINK: Fund Forum International Virtual – 16th June, CET 14:00 – 14:30)
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FINANZPLATZ FRANKFURT MAIN: Finanzplatz Schweiz & Frankfurt, Asset Management, Value Investing, Rohstoffe & Networking – Zürich, Rohstofftag, MainNizza und Wirtschaftsgeschichte (Interview & Veranstaltungshinweise – Alex Rauchenstein, SIA Funds AG)

Schweiz, Asset Management und Rohstoffe – der Finanzplatz bietet ein vielfältiges Angebot in Sachen „Center of Competence & Networking“. Markus Hill sprach für FONDSBOUTIQUEN.DE mit Alex Rauchenstein, SIA Funds AG, über Trends im Bereich Value Investing und Rohstoffe. Hintergrund der Ausführungen waren die eigene Eventreihe zu diesem Themenkreis im Mai diesen Jahres (Letzter Termin: 27.5.2021, 11.00 Uhr), bei denen unter anderem Punkte wie Inflation, „5-Sigma-Event“, ESG, Öl und Uran angesprochen wurden. Zusammen mit seinen Kollegen Prof. Dr. Carlos Jarillo, Urs Marti und Marcos Hernandez wird sein Team auch wieder in diesem Jahr einen Rohstofftag in der Schweiz (10.9.2021) durchführen und in Frankfurt am Main (14.9.2021) diesen Themenkreis mit institutionellen Investoren vor Ort diskutieren. (Ein aktueller Lesehinweis zu dem Themenkreis von Urs Marti: „The World for Sale“ – Autoren: Bloomberg-Journalisten, Javier Blas & Jack Farchy).

Hill: Sie hatten letzte Woche mit Ihrem Kollegen ein Webinar zum Thema Value Investing & Rohstoffaktien. Was war das Feedback auf Ihre Veranstaltung, welche Themen sind auf besonderes Interesse gestoßen?

Rauchenstein: Wir stellen ganz klar fest, dass die Investoren sich für das Rohstoffthema interessieren und dass sie ihre Portfolien gegen mögliche Inflationsrisiken schützen möchten. In unseren Augen gehört in ein gut diversifiziertes Portfolio auch ein Teil Rohstoffaktien, denn dies ermöglicht eine Erhaltung der Kaufkraft auch bei steigenden Preisen. Die Bewertungen vieler dieser Unternehmen sind so attraktiv, dass nicht einmal ein Rohstoffpreisanstieg nötig ist. Da wir aber aufgrund eines knapp bleibenden Angebots für viele Rohstoffe diesen Anstieg erwarten, betrachten wir Rohstoffaktien als sehr attraktiv. Anders formuliert: Mit einer Anlage in Rohstoffaktien hat man eine gute Absicherung gegen eine mögliche Inflation, diese Absicherung kann aber zudem auch sehr gewinnbringend sein.

Alex Rauchenstein, SIA Funds AG
Alex Rauchenstein, SIA Funds AG

Hill: Bei Ihrem Vortrag haben Sie einen interessanten Gedanken zum Thema Value Investing und „5-Sigma-Event“ dargestellt. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Rauchenstein: Vergleicht man das Ratio Value / Growth seit Lancierung dieser Indices 1975 und wertet diese ganz einfach statistisch mit dem Mittelwert und + / – 2 STD (Standardabweichungen, oder Sigma) aus, stellt man fest, dass vor dem Platzen der TMT-Blase dieses Ratio bei + 2 STD stand bevor eine Renaissance für Value Aktien begann. Im letzten Herbst stand dieses Ratio bei + 5 STD, ein absolutes Extremevent (siehe Chart unten). In unseren Augen spricht dies für eine Renaissance der Value Aktien.

MSCI Growth / MSCI Value

Hill: Diese Woche werden Sie und Ihr Team am 27.5. nochmals ein Webinar durchführen. Wer wird dieses Mal mit dabei sein und welche Themen werden zusätzlich besprochen an diesem Termin?

Rauchenstein: Ja, am Donnerstag, 27.5. findet noch unser Kunden-Webinar in Englisch statt, an dem alle unsere Partner der SIA Funds AG teilnehmen werden – das heißt Prof. J. Carlos Jarillo, CIO Marcos Hernandez, Urs Marti und ich. An diesem Anlass werden wir zusätzlich im Detail auf die Entwicklung unserer Fonds, den Long Term Investment Funds Classic (Global Value) und den Long Term Investment Fund Natural Ressource eingehen.

Hill: Jenseits der Webinar-Termine betrachtet – planen Sie derzeit bereits auch wieder „Live-Anlässe“ mit Ihren Investoren?

Rauchenstein: Ja, wie im letzten Jahr gehen wir davon aus, dass im Herbst grundsätzlich wieder „Live-Anlässe“ möglich sein sollten. Entsprechend haben wir am Freitag, den 10. September, in Zürich unseren diesjährigen Rohstofftag geplant. Diesen führen wir bereits zum vierten Mal, auch mit externen Fachspezialisten von Einzelunternehmen in diesem Bereich, durch.
Ebenso wird am Dienstag, den 14. September, unsere diesjährige Lunchpräsentation im MainNizza in Frankfurt bereits zum neunten Mal stattfinden. Unser ganzes Team freut sich bereits wieder sehr darauf auch Präsenzveranstaltungen durchzuführen. Es würde uns freuen, Sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen.

Hill: Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Einladung. Auch im September wird sich bestimmt wieder eine Gelegenheit zu interessanten Gesprächen in Frankfurt ergeben.


Zusatzinformation „Veranstaltungsreihe Rohstoffe 2021“: redaktion@fondsboutiquen.de

Value Investing & Rohstoffaktien (Videoaufzeichnung):

Value Investing & Rohstoffe (Abbildung: Frankfurt-Event 2020 – Team, SIA Funds AG, SAVE THE DATE: 14.9.2021 – ZUSATZINFORMATION FOLGT):

SIA Funds AGwww.s-i-a.ch

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Quelle: www.fondsboutiquen.de

FINANZPLATZ FRANKFURT: Stiftungen, Volkswirtschaft, Digitalisierung & ESG – Frankfurt als Center of Competence (Interview – Tobias Karow, STIFTUNGSMARKTPLATZ.EU)

Deutscher Stiftungstag, MünchnerStiftungsTag, Virtueller Tag für das Stiftungsvermögen: Drei Veranstaltungen, bei denen auch der Finanzplatz Frankfurt wieder mit fachlicher Expertise vertreten ist (Beispiele: DEKA, HELABA, KfW, Stiftung Polytechnische Gesellschaft, DIE STIFTUNG etc.). Markus Hill sprach für FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE mit Tobias Karow, STIFTUNGSMARKTPLATZ.EU, über Themen wie Diversifikation, Family Office, ESG, Digitalisierung und Reputationsmanagement. Auch das Thema Wissensmanagement, die Ausrichtung von Veranstaltungsformaten und die besondere Bedeutung des Bundesverband Deutscher Stiftungen als Center of Knowhow waren Thema des Gespräches. (Zusatzinfo / Veranstaltungshinweise: MünchnerStiftungsTag & Digitales – 1.7., 7.6. – 11.6. & 12.5.2021)

Hill: Welche Themen werden bei Ihrer Veranstaltung behandelt?

Karow: Wir kümmern uns um das Thema Stiftungsvermögen 2030, wie Stiftungen ihr Vermögen also heute für morgen anlegen. Das klingt auf den ersten Blick banal, aber viele Stiftungen müssen heute einfach die Weichen stellen, damit sie morgen nicht ohne ordentliche Erträge dastehen. Hier geben wir Anregungen, was in die Anlagerichtlinie hineingehört, was es mit dem Diversifikationsgebot auf sich hat und welche Rolle die Business Judgement Rule dabei spielen könnte.

Hill: Was gehört Ihrer Meinung nach unbedingt ins Stiftungsvermögen, und was nicht?

Karow: Lässt sich so pauschal nicht sagen, aber Eines zahlt aus Stiftungssicht besonders. Anlagen, die keinen ordentlichen Ertrag liefern, müssen bei Stiftungen einen schweren Stand haben. Denn es sind die ordentlichen Erträge, die Stiftungen ihre Zwecke verwirklichen lassen, der Kapitalerhalt ist dem schlichtweg nachgeordnet. Viele Stiftungen schauen aber zuerst auf genau diesen, weshalb viele Stiftungsvermögen schief allokiert sind, mit zu viel niedrig verzinslichen Anleihen, zu wenig Aktien und zu wenig Alternatives. Was Stiftungen zudem für sich sortieren müssen, ist das Thema Nachhaltigkeit bzw. der Themenkreis ESG. ESG ist aus Stiftungssicht Risikomanagement, und es ist Reputationsmanagement. Oder würden Sie künftig einer Stiftung noch Geld spenden die Ihnen nicht sagen kann, dass sie professionell mit ihrem Vermögen umgeht?

Hill: Gibt es auch einen Bezug zum Thema Family Offices bei Ihren Aktivitäten im Stiftungssegment?

Karow: Die Brücke zu Family Offices sehe ich bei der Rolle, die Family Offices einnehmen, die auch eine passende für Stiftungen und deren Verantwortliche wäre: die des Portfoliokontrolleurs. Selber aktiv Geld zu managen, das werden viele Stiftungen mangels zeitlicher und fachlicher Ressourcen kaum schaffen, aber Asset Managern auf die Finger zu schauen, und dann gegebenenfalls den Manager zu wechseln, das lässt sich sauber aufsetzen.

Hill: Der Deutsche Stiftungstag findet vom 7.6. – 11.6.2021 statt. Auch in diesem Jahr bietet er wieder ein sehr interessantes Programm, auch der Finanzplatz Frankfurt ist ja mit Ökonomie-Expertise vertreten (DEKA, HELABA, KfW etc.). Wo gibt es Überschneidungen bei Ihren Themenfeldern, wo ergänzt man sich in der Expertise?

Karow: In der Tat, der Deutsche Stiftungstag (Bundesverband Deutscher Stiftungen) ist der größte Branchentreff in Europa, und es ist zurecht so, dass Stiftungen und Stiftungsexperten diesen als erstes ansteuern. Überschneidungen mit unserem Virtuellen Tag für das Stiftungsvermögen gibt es sicherlich, weil der Stiftungstag das Thema Stiftungsvermögen natürlich auch aufgreift, mit prominenten Köpfen. Unser #vtfds2021 ist sicherlich das weniger renommierte Format, wir setzen die Akzente beim Thema Stiftungsvermögen vielleicht etwas mehr auf der Mikroebene. Und natürlich ist unser Format ein kostenfreier Livestream.

Hill: Welche anderen interessanten Formate in Sachen Wissensmanagement gibt es noch im Stiftungsbereich?

Karow: An reinen Stiftungsveranstaltung ist es sicherlich der MünchnerStiftungsTag, der am 1. Juli stattfindet und der diesmal als digitale Veranstaltung stattfindet. Das Thema hier ist die Digitalisierung und wo Stiftungen hier aktuell Post-Corona stehen. Im März fand zudem der Digital Social Summit statt, auch ein tolles Event mit starkem Programm, das rund 1.000 Zuseher anlockte. Auch die Webinare unseres Veranstaltungspartners beim #vtfds2021, RenditeWerk, sind nach wie vor gut besucht, das mag hier damit zusammenhängen, dass das Format bereits existierte bevor die Pandemie kam und dies jetzt eben eine hohe Akzeptanz genießt.

Hill: Danke für das Gespräch.


MünchnerStiftungsTag (1.7.2021): www.muenchnerstiftungstag.de

TOBIAS KAROW: „Schön, dass es ihn wieder gibt, den MünchnerStiftungsTag, er war die letzte Stiftungsveranstaltung, auf der wir 2020 zu Gast sein durften. Jetzt, am 1. Juli 2021, wird der MünchnerStiftungsTag digital stattfinden, und die Agenda hat auch die digitale Welt zum Thema. Es soll diskutiert werden, wie digitale die tägliche Stiftungspraxis tatsächlich schon ist und was bleiben wir. Wir haben vorab schon drei Digissentials gefunden.“

Deutscher Stiftungstag (7.6. – 11.6.2021): www.programm.stiftungstag.org

Virtueller Tag für das Stiftungsvermögen (12.5.2021): www.vtfds.de

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FINANZPLATZ FRANKFURT: Stiftungen, Asset Management, ESG – „Krimi, Rollski & Gin“ – Virtueller Tag für das Stiftungsvermögen – 12.5.2021 (Interview – Tobias Karow, STIFTUNGSMARKTPLATZ.EU)

Stiftungen, Asset Management, Fondsfibel & ESG, vom Portfoliomanager zum passiven „Portfoliokontrolleur“ – Markus Hill sprach für FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE mit Tobias Karow, STIFTUNGSMARKTPLATZ.EU, über die aktuellen Herausforderungen für Stiftungsverantwortliche bei der Verwaltung des Stiftungsvermögens. Über die Bedeutung von Stifterwillen, Stiftungszweck und Anlagerichtlinie wurde ebenso gesprochen wie über Publikumsfonds, Krimi, Rollski und Gin. (VERANSTALTUNGSHINWEIS: VIRTUELLER TAG FÜR DAS STIFTUNGSVERMÖGEN – 12.5.2021).

Hill: Warum ist das Stiftungsvermögen eine Baustelle?

Karow: Da kommen viele Dinge zusammen. Ich sage immer: „Das haben wir immer so gemacht meets Niedrigzins“, das erklärt dann eigentlich schon alles. Wir haben in Deutschland einfach eine lange Tradition, Stiftungsvermögen rein in Anleihen anzulegen, dank dieser Liebe zur Anleihe sind ja auch von den etwa 100.000 Stiftungen, die es anno 1914 hierzulande gab, etwa 90 % verschwunden bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Das wird gerne vergessen, und in praktisch allen Ländern, in denen es Stiftungen gibt, wird anders angelegt, nämlich breit und global gestreut, mit dem Fokus auf den ordentlichen Ertrag und nicht nur auf den Kapitalerhalt. Die Angst vor dem Verlust eint viele Stiftungsverantwortliche, aber das ist keine Angst, die zielführend ist. Ich habe meine erste Aktie mit 13 Jahren gekauft, und bis heute gab es einige Crashs und Korrekturen, aber jeder dieser Rücksetzer war vorübergehend, man musste nur am Portfolio immer wieder mal arbeiten. Der ordentliche Ertrag ist das wichtigste Ziel der Verwaltung von Stiftungsvermögen, und wenn er das ist, dann muss die Anlagepolitik einer Stiftung bei 0,0% Zinsen in der nächsten Dekade anders ausschauen als noch vor 10 oder 15 Jahren. Aber es ändert sich etwas, das ist schon abzusehen.

Tobias Karow, STIFTUNGMARKTPLATZ.EU
Tobias Karow, STIFTUNGSMARKTPLATZ.EU

Hill: Welche Möglichkeiten haben Stiftungen in Ihren Augen?

Karow: Naja, Stiftungen können es weiter selber machen, dafür müssen sie selbst, also ihre Verantwortlichen, ausreichende fachliche und zeitliche Ressourcen aufwenden, um eine sachgerechte Entscheidung zur Veranlagung des Stiftungsvermögens zu treffen. Dazu gehört auch, wie ein ordentlicher Kaufmann alle möglichen Informationen eingeholt zu haben, die diese Entscheidung unterfüttert. Schaffe ich das nicht, und bei der Kapitalanlage ist dies sehr wahrscheinlich, ist das Selbermachen nicht die erste Option, in meinen Augen jedenfalls. Stiftungen sollten daher den Weg der Delegation gehen, also die Aufgabe der Verwaltung des Stiftungsvermögens an Profis delegieren. Dadurch verändert sich die Rolle der Stiftungsverantwortlichen weg vom aktiven Portfoliomanager hin zum passiven Portfoliokontrolleur, und das passt für mich viel besser in die Zeit als das Herumdoktern mit ein paar Aktien hier und ein paar Anleihen dort. Bevor Stiftungsvorstände das machen, sollten sie lieber eine richtige und zeitgemäße Anlagerichtlinie schreiben, denn passt der Rahmen, ist der Handlungsspielraum dann maximal.

Hill: Sie sind ein Freund der Fondsanlage für Stiftungen, betreiben hier die Plattform www.fondsfibel.de. Warum das?

Karow: Wenn ich die Verwaltung des Stiftungsvermögen delegiere, dann ist die Fondsanlage bzw. das Zusammenstellen eines Fondsportfolios in meinen Augen aus vielen Punkten heraus vorteilhaft. Stiftungen müssen dem Diversifikationsgebot folgen, das können sie über Fonds wunderbar machen, indem sie in verschiedene Konzepte, Stile und Assetklassen investieren. Stiftungen müssen aber auch dem Stifterwillen folgen, das bedeutet, dass vor allem der Zweck verwirklicht werden muss. Entsprechend suche ich mir Fonds, die eine längere Ausschüttungshistorie haben bzw. bei denen Income im Fokus steht. Da zu Fonds zudem viele Informationen transparent vorhanden sind, ist eine sachgerechte Entscheidung auch gut zu treffen, und das Controlling auf Basis dieser Informationen lässt sich institutionalisieren. Außerdem sind fünf Fondsanteile und fünf Ausschüttungen buchhalterisch einfacher zu fassen als unzählige einzelne Aktien- und Anleihepositionen. Für mich ist die Fondsanlage aus diesen Gründen der für Stiftungen geeignetste Weg, vor allem aber lassen sich die individuellen Ziele der Stiftung mit Fonds für mich viel granularer abbilden. Hier gehört auch Nachhaltigkeit dazu, zu der jede Stiftung eine eigene Meinung hat, das muss ja dann auch im Portfolio abgebildet werden, was mit Fonds gut machbar ist. In der Anlagerichtlinie kann ja stehen, dass die Stiftung nur Artikel-9-Fonds kauft, das wird das Stiftungsportfolio anders aussehen lassen, definitiv. ESG selber zu machen, das halte ich für die allermeisten Stiftungen für nicht machbar.

Hill: Wenn Sie nicht gerade virtuelle Tage für Stiftungen organisieren, was treibt Sie dann um?

Karow: Als junger Vater ist mir Sport ziemlich wichtig, einfach als Ausgleich, ich fahre sehr gerne Rollski, ist eine schöne Alternative zum Laufen, wenn es schon mit dem richtigen Skilaufen derzeit nicht klappt. Und es wäre wieder mal Zeit für einen Krimi, das Schreiben fehlt, aber andererseits ist Unternehmer sein auch eine schöne Sache, wir bloggen jetzt halt. Und wir basteln gerade an einem stiftungsmarktplatz-Gin, den Namen haben wir schon.

Hill: Vielen Dank für das Gespräch.


1. FRANKFURT & STIFTUNGEN (VERANSTALTUNGSHINWEIS – 12.5.2021 – PANEL / INFORMATION – AUSWAHL):

Stiftungsvermögen 2030: Eine Diskussion mit Hans-Dieter Meisberger (DZ Privatbank), Thomas Meissner (Stiftung Polytechnische Gesellschaft), Arndt Funken (Aquila Capital)

Öko und Grün ist nicht alles… Abschlussimpulse auf der Couch zur zeitgemäßen Verwaltung des Stiftungsvermögens von Harald Brockmann (Missionszentrale der Franziskaner), Immo Gatzweiler (AXA Investment Managers), Markus Hill (fondsboutiquen.de)

ZUSATZINFORMATION / ANMELDUNGVIRTUELLER TAG FÜR DAS STIFTUNGSVERMÖGEN: www.vtfds2021.de

2. FRANKFURT & STIFTUNGEN (INFORMATION – AUSWAHL):

a) Frankfurter Stiftungsdatenbank (Zitat): „In Frankfurt am Main sind über 600 Stiftungen mit ihrem Sitz registriert. Stiftungen engagieren sich in unserer Stadt in vielen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen: in Bildung und Ausbildung, in Wissenschaft und Technik, in Kunst und Kultur, in sozialen Fragen bis hin zur Altenhilfe sowie im Natur- und Umweltschutz.“ – ZUSATZINFORMATION: Stiftungsdatenbank | Stadt Frankfurt am Main

b) Initiative Frankfurter Stiftungen (Zitat): Die Initiative Frankfurter Stiftung versteht sich als Netzwerk von Menschen, die Verantwortung für die Gestaltung des Stiftungswesens in und um Frankfurt tragen. Sie besteht seit 1993, seit 1997 schließlich als eingetragener Verein. Ihre Mitglieder stehen für die gesamte Bandbreite des Stiftungswesens und repräsentieren junge und alte, große und kleine, gemeinnützige Stiftungen bürgerlichen Rechts sowie Anstaltsträgerstiftungen. Die Mitglieder werden kooptiert. Die Mitgliedschaft ist namentlich.“ – ZUSATZINFORMATION: www.frankfurter-stiftungen.de

VIRTUELLER TAG FÜR DAS STIFTUNGSVERMÖGEN (12.05.2021 – www.vtfds2021.de)

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FINANZPLATZ FRANKFURT: Paulskirche, Resilienz, Silicon Valley & Langsamkeit (Interview – Ortrud Toker, Autorin)

„Eins, zwei, drei, im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit.“ (Wilhelm Busch). Frankfurt, Innovation, Resilienz und Unternehmertum – Markus Hill sprach für FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE mit der Autorin Ortrud Toker über Unternehmerpersönlichkeiten, Erfinderfreude und über die geschichtliche Bedeutung von Langsamkeit, Geschwindigkeit und Kommunikation. Themen wie Technologie, Erfindergeist und Preußen werden ebenso angesprochen wie Datenübermittlung, Banking und die Frankfurter Paulskirche.

Hill: Die Frankfurter Rundschau nannte Ihr Buch „Vom Ende der Langsamkeit“ einen Publikumsliebling, HR2 Kultur und Thalia empfehlen Ihr Buch als „Buchtipp“. Vor dem Lockdown hatten Sie viele Lesungen, u.a. in der DenkBar, der Buchhandlung Weltenleser und in der Kulturfabrik in Sachsenhausen.  Wovon handelt Ihr Buch?

Toker: Es geht in „Vom Ende der Langsamkeit“ um drei außergewöhnliche Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Werner von Siemens, Philipp Reis und um das Ehepaar Bertha und Carl Benz. Sie alle waren bei bahnbrechenden Erfindungen maßgeblich beteiligt, nämlich der Telegraphie, dem Telefon und dem Automobil. Diese Erfindungen veränderten die Welt und prägen sie bis heute.

Hill: Aha, es geht um Unternehmerpersönlichkeiten. Was haben sie gemeinsam und worin unterscheiden sie sich? Denn zwei Namen kenne ich, aber Philipp Reis ist mir nicht geläufig.

Toker: Wir haben es mit drei völlig verschiedenen Unternehmercharakteren zu tun. Werner von Siemens ist vermutlich der populärste und wirkungsmächtigste. Ihn zeichnet aus, dass er sein Ziel nie aus den Augen verlor, stets neugierig, offen und vor allem flexibel blieb. Er ließ sich von Rückschlägen und Niederlagen nie dauerhaft entmutigen, sondern sie spornten ihn viel eher zu Hochleistungen an. 1842, schon als junger Artillerieoffizier nutzte er z. B. seine Inhaftierung im Magdeburger Gefängnis zu Experimenten, die zu einer bedeutsamen Entdeckung und seinem ersten Patent führten. Der Beginn einer lebenslang andauernden Karriere, voller Höhen und Tiefen. Der Friedrichsdorfer Lehrer Philipp Reis hingegen war glücklos und fand zeitlebens keine Investoren. Er starb, bevor die Weiterentwicklung seines Telefons einen weltweiten Siegeszug antrat. Und was aus der „Kutsch‘ ohne Gäul‘“ von Carl Benz geworden wären, wenn ihn seine Frau Bertha nicht unermüdlich über Jahrzehnte immer wieder ermutigt und unterstützt hätte, steht in den Sternen.

Ortrud Toker, Autorin
Ortrud Toker, Autorin
Foto: Hartmuth Schröder

Hill: Es geht in Ihrem Buch also auch darum, dass Erfindungsgeist allein noch nicht reicht, um auf Dauer erfolgreich zu sein.

Toker: Unbedingt. Dass die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben, ist ein Allgemeinplatz. Aber wie genau das aussieht und was das im Einzelnen bedeutet, kann man an diesen drei Lebensläufen sehr schön nachvollziehen. Nicht nur Fleiß und Ausdauer sind von Vorteil, sondern dazu kommen Beharrlichkeit in der Zielerreichung, sowie eine besondere Widerstandskraft. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, nach Rückschlägen weiterzumachen, wie ein Stehaufmännchen nach vorne zu schauen und aus Fehlern produktiv zu lernen. Wie das gehen kann, zeigen die Beispiele aus meinem Buch. Jede Zeit braucht kluge, unkonventionelle Lösungen, Erneuerer und Visionäre. Unternehmer, die für ihre Ziele brennen, kalkulierte Risiken eingehen und Verantwortung übernehmen. Erst wenn sich zu innovativen Ideen der Mut zur Umsetzung, Offenheit, Augenmaß und ein langer Atem gesellen, kann dies langfristig zum Erfolg führen. Beispiele, wo sich das Durchhalten gelohnt hat, gibt es genug. Die heutigen Superstars heißen Steve Jobs, Elon Musk und Jeff Bezos. Aber natürlich kennen das auch Menschen, die einen kleineren Wirkungskreis haben.

Hill: Alle reden von Geschwindigkeit, warum sprechen Sie in ihrem Buch aber vom Ende der Langsamkeit?

Toker: Bei den Erfindungen der Hauptpersonen in meinem Buch, Siemens, Reis und dem Ehepaar Benz, spielt die Beschleunigung des Transports von Menschen und Nachrichten eine zentrale Rolle. Was Geschwindigkeit jedoch genau ist und welche Bedeutung sie in unserer Gesellschaft hat, wird immer wieder neu definiert. Bertha Benz benötigte 1888 mit dem ersten Automobil einen ganzen Tag für die rund 100 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim. Ihr Mann Carl Benz wollte bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h aufhören, Autos zu produzieren.

Heute geht es bei dem neuen Mobilfunkstandard G5 um die Übermittlung von Datengeschwindigkeiten bis zu 10 Gigabit pro Sekunde, das bedeutet Kommunikation in Echtzeit und ermöglicht völlig neue Anwendungen. 100 Milliarden Geräte wären gleichzeitig ansprechbar.

Hill: Schnelle Datenübermittlung war ja auch politisch und militärisch relevant und ist es heute noch. Spielt deswegen auch die Frankfurter Paulskirche in ihrem Buch eine Rolle?

Toker: Die kabelgebundene Telegraphie war 1848/49 während der Revolution eine brandneue Technologie. Der preußische König in Berlin wollte so schnell wie möglich darüber informiert werden, was denn da während der Nationalversammlung in Frankfurt geschieht. Werner von Siemens wurde deswegen mit dem Bau der ersten europäischen Fernleitung von Berlin bis Frankfurt beauftragt. Als am 28. März 1849 die Nationalversammlung beschloss, dem König die Kaiserwürde anzutragen, sauste diese Nachricht in der sensationellen Geschwindigkeit von nur einer Stunde von Frankfurt bis Berlin. Wenn Sie bedenken, wir reden von einem einzigen Draht, einer Kabelverbindung an Masten. So ging es damals los. Heute ist Frankfurt der Standort von Europas größtem Internetknoten.

Hill: Die Finanzwelt ist ebenfalls auf präzise und schnelle Datenübermittlung angewiesen – hat Frankfurt hier historisch gesehen Standortvorteile?

Toker: Gewiss, darum geht es. Mein Buch handelt von den Anfängen der beschleunigten Kommunikation, vom ersten heißen Draht zwischen Berlin und Frankfurt. Vor der Telegraphie gibt es berühmte Vorläufer. Die Bankiersfamilie Rothschild unterhielt Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Dächern ihrer Bankhäuser eigene Schläge für Brieftauben und setzte diese beim Transport der Aktienkurse ein. So überflügelten sie im wahrsten Sinn des Wortes die Konkurrenz.

Hill: Das klingt ganz nach dem Motto „Wissen ist Macht“.

Toker: Ganz richtig. Nathan Mayer Rothschild wusste vor dem britischen Premier, dass Napoleon bei Waterloo geschlagen worden war und nutzte dieses Wissen gewinnbringend für den Aktienhandel. Brieftauben dienten auch Julius Reuter Mitte des 19. Jahrhunderts zur Überbrückung, solange das Telegraphennetz noch nicht lückenlos aufgebaut war, noch vor der Gründung seiner Nachrichtenagentur.

Hill: Vielen Dank für das Gespräch.


Ortrud Toker, geboren 1957, studierte Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Philosophie an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt. Sie arbeitete viele Jahre u. a. im Deutschen Filmmuseum und im Museum für Kommunikation in Frankfurt. Ihr Schwerpunkt liegt in der frühen Film- und Mediengeschichte.

Das Buch „Vom Ende der Langsamkeit“ von Ortrud Toker ist im Frankfurter Verlag Henrich Editionen erschienen: www.henrich.de)

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FINANZPLATZ FRANKFURT: Blenderwirtschaft, Immobilien, Startups, Nachhaltigkeit & Networking (Interview – Ulrich Siebert, Autor, Gastronom, Frankfurt)

Frankfurt – Technologie, Toleranz & Talent. Markus Hill sprach für FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE mit Ulrich Siebert, „Frankfurt-Liebhaber“, Gründer und Berater, über Themen wie Kommunikation, die Aktualität von Blendermodellen (Wirecard & Co.) und über das mehrdimensionale Image des Finanzplatzes. Ebenso angesprochen wurden Standortqualitäten in den Bereichen Startups, Investoren, Infrastruktur und Digitalisierung. Ausführungen zur „Creativ Class-Denke“ von Richard Florida und konkrete Gedanken zum Thema Frankfurter Zeil und Freude am Gedankenaustausch erscheinen zusätzlich interessant.

Hill: Herr Siebert, Sie sind Frankfurter, mit einer bunten Frankfurter Vita: Autor des FAZ-Buchs Blenderwirtschaft, Mitorganisator des in vielen Köpfen noch präsenten Musikfestivals Sound of Frankfurt, fast 20 Jahre Kommunikationsberater und seit rund zwei Jahren Betreiber der Landfest Tagesbar an der Zeil. Wie passt das alles zusammen?

Siebert: Da haben Sie noch einige Aktivitäten unterschlagen. Die Vielfalt motiviert mich, letztlich dreht sich alles um die Realisierung von Ideen und unternehmerischen Projekten. Und das sind meist Kommunikationsthemen. Den Band Blenderwirtschaft hatte ich während der Turbulenzen des Neuen Marktes 2002 geschrieben.

Ulrich Siebert – „Frankfurt-Liebhaber“
Ulrich Siebert – „Frankfurt-Liebhaber“

Hill: Da waren Sie noch Finanzjournalist für Börsen- und Fondsberichterstattung. Was ist für Sie eine Blenderwirtschaft?

Siebert: Mir ging es um wiederkehrende Muster bei Unternehmensblasen. Die Bekenntnisse des berühmt-berüchtigten Frankfurter Baulöwen Jürgen Schneider hatten das eindeutig bejaht. Das war 1995. Schneider schrieb während der Haft eine Blaupause für Blendermodelle. 1999 platzte der FlowTex-Skandal, der bis dahin größte Finanzbetrug in der Bundesrepublik mit ähnlichen Mustern wie bei Schneider. Dann EM.TV, Comroad – und wie die windigen Börsendebütanten alle hießen. 2005 war der Neue Markt abgewickelt und rund 200 Mrd. Euro Kapital verloren. Auch ein jahrhundertalter Frankfurter Bankenname ist mit dem Neuen Markt verschwunden: Gontard. Als nächstes kam der an Skurrilität nicht mehr zu überbietende S&K-Anlegerskandal. Jetzt 2020/2021 haben wir die alle Regularien in Schatten stellende Wirecard-Pleite.

Hill: Welches Muster konnten Sie bei den aufgeblähten Geschäftsmodellen vor 20 Jahren erkennen?

Siebert: Jedes Täuschen und Getäuscht-Werden geschieht in einer Kontinuität, baut sich auf und hat viel mit anerzogener Branchenpraxis zu tun, mit Stereotypen, Insignien/Siegeln und dem Gaukeln von Authentizität. Gerade bei stabilen Rahmenbedingungen und einer Ansammlung großer Namen entstehen Gefährdungslagen. Ebenso hatte ich das Paradoxon beobachtet: Je mehr Kapital im Spiel ist, desto eher gelingen Blendwerke. Drei Indikatoren konnte ich vor allem identifizieren: 1. Personenkult, 2. überzogenes Marktversprechen, 3. Kumpanei als zu enge, direkte Kommunikation zwischen Käufer- und Verkäufer. Bedauerlich finde ich aber vor allem, wenn in Skandal-Reportagen oft die Frankfurter Skyline als Symbolbild verwendet wird.

Hill: Solche Eindrücke helfen nicht unbedingt dem Image des Finanzplatzes Frankfurt.

Siebert: Ganz genau. Der Finanzplatz war schon immer sehr viel mehr. Er konnte sich aus einer vielfältigen, lebendigen Bürgerstadt entwickeln. Mittlerweile ist er eine weltweit beachtete aufstrebende Start-up-Region für FinTechs in der Aktivierungsphase. Frankfurt hat einen ausgezeichneten Campus, 30 Inkubatoren, zig Co-Working-Spaces als Talent-Schmieden sowie direkte Zugänge zu Investoren, Risikokapital und Business Angels. Dieses Potenzial auszubauen ist nicht hoch genug einzuschätzen. Die Corona-Pandemie treibt auf der ganzen Welt die Digitalisierung der Offline-Ökonomie voran. Diese Chance für Frankfurt muss viel deutlicher ausgesprochen werden, darf sich nicht in umgewidmeten Bürotürmen verstecken. Übrigens ist das eine interessante Perspektive für den pandemiegeplagten Frankfurter Immobilienmarkt.

Hill: Im Vergleich zum Rheinland, zu Berlin oder Hamburg wird oft bemängelt, dass Frankfurt nicht hipp ist. Muss es das sein?

Siebert: Kulturelles Klima, Bildung und ein attraktives Lebensumfeld sind sicherlich wesentlich für eine prosperierende Stadtentwicklung. Die viel diskutierte Theorie von Richard Florida, dass erst durch die Ansiedelung der Creative Class Wohlstand entsteht, ist für mich nach wie vor überzeugend. Es kommt auf die drei „T“ an: Technologie, Toleranz und Talent. Mit der kulturellen Vielfalt und aktiven Subkulturen entstehen neuen Ideen zur Vernetzung, für Technologien und neue Geschäftsmodelle, die Talente anziehen und gerade den Finanzplatz als Start-up-Region weiterbringen können. Nachdem Frankfurt in der Musik-, Automobil- und Werbewirtschaft – nicht ganz unverschuldet – kaum noch Impulsgeber ist, könnte die erste Fashionweek aus Berlin in Frankfurt eine Trendwende einleiten. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Mischung aus Lifestyle, Business-Plattform und nachhaltigen Textiltechnologien sehr gut in Frankfurt ankommen wird. Auch als Signal des Aufbruchs für den Textilhandel in der Stadt.

Hill: Die letzten zehn Jahre hatten Sie auf einem Gutshof in der Wetterau gelebt und gearbeitet. Vor kurzem sind sie wieder in die Innenstadt gezogen. Warum der Wechsel, ändert sich gerade etwas in der Stadt?

Siebert: Seit Jahrhunderten versuchen Stadtbewohner in einer Pandemie aufs Land zu ziehen. Meine Frau und ich wollten das anders machen. Nein, Spaß beiseite. Der Grund ist einfach: Ich hatte die Projektentwicklung für das Geschäftshaus Zeil 111 begleitet und dort nach der Fertigstellung die Landfest Tagesbar mit meiner Frau eröffnet. Die Immobilie ist ein Mischkonzept aus Wohnen, Arztpraxen, der Hirsch-Apotheke, dem Flagship-Store von G-Star, Gastronomie, Fotostudio und Beauty. Unsere Wege sind mit dem Umzug einfach deutlich kürzer, und wir können unsere regionalen Erzeugerkontakte oder unsere Kooperation mit dem Weingut Prinz von Hessen direkt in die Stadt bringen. Interessant finde ich den Aspekt, dass das Stadtleben nur durch das Land funktioniert, insbesondere durch die Nahrungsmittelproduktion aber auch durch die Frischluftzufuhr und Artenvielfalt. Deshalb muss Nachhaltigkeit strenggenommen ein städtisches Thema sein.

Hill: Ist die Zeil der richtige Standort, sie ist weder Finanzdistrikt noch steht sie für Nachhaltigkeit?

Siebert:
Das Tempo der Zeil und ihre Passantenfrequenz stehen vor allem für Wandel. Hier wird sich in den nächsten fünf Jahren einiges tun. Auch wenn Textiler und Kaufhäuser künftig nicht mehr in dem Maße prägend für die Zeil sein werden wie in den vergangenen Jahrzehnten, so ist sie zweifelsohne der Konsum- und Versorgungsmittelpunkt in Frankfurt. Viele unserer Frankfurter Gäste in der Tagesbar sagen allerdings, dass sie die Zeil eher meiden würden und dass sie überrascht sind, uns dort gefunden zu haben. Das zeigt mir den tieferliegenden Wunsch nach kleinteiligeren, gemischten Nutzungen, deren Individualität und Spirit die Online-Welt ergänzen. Das wird neue, nicht mit Amazon konkurrierende Retail-Konzepte aber auch viel bauliche Veränderung auf die Zeil mit sich bringen. So wie es das Karstadt-Areal 2025 nicht mehr geben wird.

Hill: Ist die Frankfurter Innenstadt nach Corona eine andere?

Siebert: Diese Frage beschäftigt mich in der Tat sehr stark, nicht nur als Gastronom. Kurzfristig kann ich mir gut vorstellen, dass es trotz einiger Leerstände auch in Toplagen erst einmal so weiter geht wie vor dem 1. Lockdown, wenn auch viele Touristen und Messegäste fehlen werden. Luxuslabels und Discounter dürften am widerstandsfähigsten sein. Langfristig wird sich die Konsumstruktur allerdings grundlegend ändern in Richtung Versorgung, Dienstleistung, Gesundheit und Logistik. Auch der Klimawandel, das Aufheizen der Innenstädte, die Luftbelastung und Nachhaltigkeit in den Lieferketten werden Veränderungen anstoßen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Frankfurt wieder einen stärkeren Wohnanteil bekommt, weil viele große Einzelhandels- und Büroflächen schlicht nicht mehr bespielbar sein werden und Immobilien umgeplant werden müssen. Hierfür wird nicht nur viel Kreativität gefragt sein, sondern der Wandel wird auch viel Kreativität freisetzen für Prototypen neuer Geschäftsmodelle.


Ulrich Siebert – „Frankfurt-Liebhaber“, Gründer sowie Berater bei zahlreichen Kommunikations-, Innovations- und Immobilienprojekten. Inhaber der LANDFEST TAGESBAR: www.landfest.de (Frankfurt Zeil 111) / www.siebert-unternehmesberater.de / www.zeil-111.de

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FINANZPLATZ FRANKFURT: Judentum, Kultur und Einstein

„Jüdisches Leben in Frankfurt“ – so lautet auch der Titel der Broschüre, die gerade von der Stadt Frankfurt, Dezernat für Finanzen, Beteiligungen und Kirchen in der Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurts herausgegeben wurde und in der es um gemeinsame Geschichte, das Entdecken, Erleben und auch Erinnern geht. Bürgermeister wie auch Kirchendezernent Uwe Becker und der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Gemeinde haben engagierte Grußworte geschrieben.

Das jüdische Leben in Frankfurt hat eine fast 900 Jahre alte und große Tradition. Die historischen Spuren jüdischen Lebens lassen sich auch in der wunderbar restaurierten Frankfurter Altstadt aufspüren. Die grauenvolle Vertreibung und Ermordung Frankfurter Juden im Holocaust haben schreckliche Narben in unserer Stadtgesellschaft hinterlassen. Nach 1945 gab es nur noch wenige Frankfurter Juden, die auch in ihre zerstörte Heimatstadt zurückkamen; vor 1933 bestand die jüdische Gemeinde aus 30.000 Mitgliedern und verkörperte die bis dahin bedeutendste Epoche jüdischen Schaffens.

Eva-Maria Klatt, Frankfurt am Main

1864 erst brachte den jüdischen Frankfurtern die volle Gleichstellung und die Gemeinde wuchs, 1882 wurde die Synagoge am Börneplatz (von den Nazis zerstört, dann von ihnen mit einem Hochbunker überbaut) und 1910 die Westendsynagoge eingeweiht. Heute hat die jüdische Gemeinde ungefähr 7.000 Mitglieder und ist die zweitgrößte Deutschlands. 1986 konnte das jüdische Gemeindezentrum eröffnet werde, das heute Ignatz-Bubis-Zentrum heißt. Dieses Zentrum macht, wie auch andere Bauwerke hier, jüdisches Leben in der Stadt wieder „lebendig“. Ganz deutlich spürbar und sichtbar sind auch der jüdische Kindergarten, die Lichtigfeldschule , der jüdische Sportverein TUS Makkabi im Herzen Frankfurts und das im Oktober neueröffnete Jüdische Museum mit seiner eindrucksvollen hellen, neuen Architektur.

Corona, Lockdown und Museum

„Closedbutopen“ hieß das Motto für das Jüdische Museum während des zweiten Lockdowns bis zur radikalen Schließung. Es ist das älteste Jüdische Museum in Deutschland und thematisiert 800 Jahre jüdische Geschichte in Frankfurt. Fünf Jahre wurde es umgebaut, bis es am 21.10.2021 mit einem eher asketischen Festakt in der Alten Oper eröffnet wurde, dies alles geschuldet den Hygiene Maßnahmen aufgrund der Pandemie. Das Jüdische Museum hat einen eigenen YouTube Kanal mit vielen informativen und sehenswerten Filmen, es ist auf Twitter, Facebook, Instagram mit täglichen Beiträgen vertreten, die allesamt anregend sind und neugierig auf einen Besuch machen – zur Zeit und später.

Kultur, Events und Neugierde

Frankfurt, als kleine aber ausgesprochen kraftvolle Metropole, weist mittlerweile auch Jüdische Filmtage im Mai und Jüdische Kulturwochen im September auf. Jüdisches Leben in seiner Vielfalt beschränkt sich eben nicht auf die genannten Bauwerke, sondern findet überall in Frankfurt statt, weil hier eine beeindruckende Bandbreite an jüdischen Einrichtungen und Aktivitäten herrscht. Als Beispiel sei hier die Frankfurter Schönstädt Loge, B’nai B’rith, die 1888 als 20. B’nai B’rith Loge in Deutschland gegründet wurde und deren Mitglieder sich höchst aktiv und ehrenamtlich für das Gemeinwohl einsetzten. Im Dritten Reich verboten, wurde sie in Frankfurt 1961 neu gegründet – mit veränderten Aufgaben jedoch stets den Idealen und Werten treubleibend.

In den wunderschönen alten Räumen der Loge finden in regelmäßigen Abständen kulturelle Veranstaltungen vielfältiger Art statt, die regen Zuspruch in der Stadtgesellschaft finden.

Jüdisches Leben in Frankfurt verkörpern unter anderem auch die Brüder James und David Ardinast. Sie bereichern die Gastronomie- und Ausgehkultur unserer Stadt mit vielen Restaurants wie etwa das „Stanley Diamond“ oder die „Bar Shuka“ in der Niddastraße. Als weiteres Beispiel für diese Vielfalt seien hier das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde, Pflegeheim mit Altenwohnanlage, sowie das Pflegezentrum der Henry und Emma Budge Stiftung, das dezidiert Juden und Christen gleichermaßen offensteht. Beide Einrichtungen bieten auch zahlreiche kulturelle Veranstaltungen an, die von vielen Frankfurtern gerne besucht werden. Stellvertretend für viele Aktivitäten innerhalb des jüdischen Lebens in Frankfurt wird der Interreligiöse Chor genannt, der von zwei Chorleitern, der evangelischen Kantorin Bettina Strübel und dem jüdischen Chasan Daniel Kempin, gemeinsam gestaltet wird und eine weitere Facette bedeutet.

Vielleicht sind die Leser dieses Artikels neugierig geworden auf noch viel mehr an jüdischen Traditionen und Geschichten unserer Stadt Frankfurt am Main, frei nach dem Motto: „Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will“ (Albert Einstein).


Eva-Maria Klatt, Oberstudienrätin i.R., Stellvertretende Vorsitzende der DiG Frankfurt (Deutsch-Israelische Gesellschaft)

JÜDISCHES MUSEUM FRANKFURT: www.juedischesmuseum.de

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FINANZPLATZ FRANKFURT: Digitalisierung & „Asset-Klasse Rechenzentren“ – Immobilien, REITs und ESG (Gastbeitrag – Michael Jakobi, contagi Digital Impact Group)

Nicht erst die Corona Krise hat gezeigt, dass die weltweite Wirtschaft – wie die Gesellschaft als Ganzes, eine leistungsfähige digitale Infrastruktur benötigt, wenn sie ihren Wachstums- und Entwicklungskurs nachhaltig fortsetzen will. Die Krise hat sich jedoch als ein Katalysator herausgestellt, der die Geschwindigkeit des Wandels erhöht und, gerade in Deutschland, das Thema digitale Infrastruktur im Allgemeinen und der Rechenzentren im Besonderen in eine breitere Öffentlichkeit getragen hat. Dabei wird die Ambivalenz des Themas deutlich – während viele deutsche Unternehmen mit der Digitalisierung kämpfen und unsere Glasfaserabdeckung zu den Haushalten (FTTH) nur 12% beträgt, verfügt Deutschland über ein national wie international hervorragendes Glasfasernetz, modernste Rechenzentrumsflächen und mit dem De-Cix Frankfurt, über den nach Datendurchsatz größten Internetknoten der Welt. Hier erreichte der Peak-Traffic im März 2020 9,1 und im November über 10 Tbit/s – jeweils Weltrekord.

AUTOR: Michael Jakobi, LL.M. ist Berater und Projektmanager im Bereich digitale Innovation & Infrastruktur bei der contagi Digital Impact Group – www.contagi.ch

Die Entwicklung Frankfurts und damit Deutschlands zu einem internationalen Hub für digitale Infrastruktur hat historische, vor allem aber geografische / geopolitische Gründe. Die Lage ist, ganz immobilientypisch, auch für Rechenzentren ein entscheidendes Kriterium. Knotenpunkte, an denen Seekabel anlanden, oder sich, wie in Frankfurt, die Glasfaser-Backbones der Welt kreuzen, sind als Austauschplattform prädestiniert, wenn sie auch das wirtschaftliche Ökosystem besitzen. Dazu gehören internationale Unternehmen ebenso wie KMU und eine zahlungskräftige Endkundenbasis, sowie nicht zu vergessen qualifizierte Arbeitnehmer und spezialisierte Dienstleister.  In der Metropolregion Rhein-Main finden sich hier beste Voraussetzungen, als internationaler Bankenstandort mit fast 6 Millionen Einwohnern, von denen 3 Millionen als Arbeitnehmer in einer weit diversifizierten Wirtschaftslandschaft tätig sind. Geografisch entscheidend ist zudem die Lage inmitten Europas, durch die sich die Datenströme über den Atlantik (über England/ London und Niederlande/ Amsterdam) ebenso bündeln lassen wie von Skandinavien bis Südeuropa und zu den Seekabel-Häfen am Mittelmeer, die uns wiederum mit Asien und Afrika verbinden.

So wird erst nachvollziehbar, dass internationale Akteure der Rechenzentrumswelt bereit sind, mit 2000€/m² das zehnfache des Bodenrichtwerts für ein Gewerbegrundstück am Frankfurter Stadtrand zu bezahlen. In Verbindung mit den horrenden Investitionskosten eines Rechenzentrums selbst, die (ohne Kosten des Grundstücks) schnell im dreistelligen Millionenbereich liegen, und den hohen Anforderungen im Be- und Vertrieb, wird hier deutlich, warum die Assetklasse Rechenzentrum, trotz eines massiven, nachhaltigen Wachstums und geradezu fantastischen Renditen, bisher vor allem in den Händen spezialisierter REITS wie Digital Realty und KeppelDC REIT sowie Telekommunikationskonzernen, z.B. NTT und 1&1, liegt. Diese wiederum besitzen oder vermieten an Colocation Provider wie Interxion, Equinix oder auch Maincubes, die ihrerseits Server-Space für Unternehmen, aber auch für Hyperscaler, also Cloud-Provider wie Amazon AWS bereitstellen.

Vor dem Hintergrund einer derartigen Konstellation aus Spezialisten und Global Playern stellt sich die Frage, ob die Eintrittsbarrieren in Sachen Kapital, Marktdurchdringung und Know-How für KMU, Projektentwickler und nicht-institutionelle Investoren nicht bereits jetzt zu hoch sind, um auf den Zug aufzuspringen.

Die großen Cloudanbieter, Microsoft (Azure), Google und Amazon AWS, sichern sich ihre Oligopolstellung in den Ballungsgebieten mit dem Aufbau von Availability Zones und treiben so das Wachstum der Colocation Anbieter in Frankfurt, aber auch im Rhein-Ruhr-Gebiet und den Großräumen Berlin, Hamburg und München. Zusätzlich verstärkt wird der Trend zur Cloud durch die Bemühungen der EU im Rahmen des Gaia-X Programms. Viele Technologien jedoch, die derzeit in den Startlöchern stehen – 5G, autonomes Fahren und IoT seien hier beispielhaft genannt – benötigen ein deutlich dichteres Netz von verschiedenen Datenverarbeitungs- und Speicherungseben oder Layern, kleinen Rechenzentren im Abstand von teils <1km (Edge), regionalen Sub-Hubs (Fog) und internationalen (Cloud) Hubs, ähnlich einem Verteilungsnetzwerk in der Logistik.

Abgesehen von wenigen Metropolregionen ist dieser Bereich aktuell alles andere als flächendeckend aufgestellt und bietet somit ein erhebliches Potential für regionale Akteure – hier sind insbesondere Energieversorger, Projektentwickler und Grundstücks-/ Immobilieneigner sowie KMU allgemein zu nennen. Auch wenn die Investitionskosten selbst in kleineren Rechenzentren beträchtlich sind, ist es möglich, diese mit Blick auf geringere Grundstücksinvestitionen und durch modulare Bauverfahren im Rahmen zu halten – ohne auf neuste, umweltschonende Technik und weitere Skalierungsoptionen verzichten zu müssen.

Nachhaltigkeit bzw. ESG ist ohnehin ein Thema, das bei Rechenzentren in Deutschland eine zentrale Rolle einnimmt, sei es aus dem Aspekt der Verantwortung, gesetzlichen Vorgaben oder schlicht aus wirtschaftlichen Gründen. Deutschland hat einen der höchsten Energiepreise der Welt und Rechenzentren sind, anders als andere energieintensive Unternehmen, nicht von der EEG-Umlage befreit. Zudem kommt der Netzausbau in manchem Ballungsgebiet der Nachfrage nicht hinterher, was insbesondere in Frankfurt eine signifikante Herausforderung darstellt. Gerade dadurch ergeben sich jedoch Chancen in anderen Regionen, in denen die Versorgungslage besser oder wo, wie in Teilen Norddeutschlands, sogar ein Überschuss alternativer Energie vorhanden ist. Nur durch die Einbindung von Rechenzenten in lokale Strukturen – Abwärmenutzung, smarte Energiespeicherung, Ladeinfrastrukturen usw. – können diese einen Beitrag in ESG Sicht liefern, anstatt Teil des Problems zu sein. Diese Verknüpfung jedoch erfordert die Einbindung lokaler und regionaler Akteure – und bietet diesen somit die Chance, an der Wertschöpfungskette Rechenzentrum zu partizipieren.

Somit lässt sich konstatieren, dass Rechenzentren nicht nur als Grundlage der Digitalisierung für die Gesellschaft, sondern auch als Assetklasse hochinteressant für progressiv eingestellte Unternehmen und Investoren sein können, auch in kleinerem Maßstab – die richtige Herangehensweise auf Markt- und Technikebene vorausgesetzt. Mehr noch, etliche Regionen in Deutschland, die für internationale Anbieter noch weiße Flecken sind, besitzen die Grundlage aus innovativen Unternehmen und qualifizierten Mitarbeitern, die einen zeitgemäßen Anschluss an die Welt ebenso nötig wie möglich macht und regionalen Akteuren aufgrund ihrer Netzwerke und Erfahrung vor Ort die Chance bietet, digitale Infrastrukturen auf Augenhöhe mit internationalen Playern zu gestalten.


AUTOR: Michael Jakobi, LL.M. ist Berater und Projektmanager im Bereich digitale Innovation & Infrastruktur bei der contagi Digital Impact Group – www.contagi.ch

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