Private Debt, Real Assets, Asset Allocation, Regulierung – im Gespräch mit Markus Hill, FINANZPLATZ FRANKFURT, geht Sebastian Thürmer, geschäftsführender Gesellschafter der artis Institutional Capital Management GmbH, auf die Marktverschiebungen, Wachstumssegmente und die Frage, wie sich institutionelle Anleger strategisch zwischen Private Debt, Infrastruktur und klassischen Anleiheinvestments positionieren sollten, ein.
Hill: Private Debt steht in der Wahrnehmung vieler Marktteilnehmer eher im Schatten der boomenden Assetklasse Infrastruktur Equity. Sehen Sie Chancen für eine Trendumkehr?
Thürmer: Beide Assetklassen erfreuen sich großer Beliebtheit, sind jedoch grundsätzlich nicht miteinander vergleichbar. Bei Infrastruktur Equity investieren institutionelle Anleger Eigenkapital mit langfristigem strategischem Fokus. Themen wie Nachhaltigkeit, Energiewende, öffentlicher Verkehr oder bezahlbarer Wohnraum stehen im Vordergrund. Private Debt hingegen umfasst kurz- bis langfristige Fremdkapitalfinanzierungen mit der Möglichkeit, überdurchschnittliche Renditen zu erzielen. Ein wesentlicher Treiber sind regulatorische Veränderungen wie Basel III und Basel IV. Diese erhöhen den Druck auf Banken, höhere Eigenkapitalquoten vorzuhalten, was Margen reduziert und die klassische Kreditvergabe erschwert. Die Folge ist eine sinkende Kreditverfügbarkeit durch Banken und Sparkassen – und genau hier eröffnen sich Chancen für alternative Kreditgeber, wettbewerbsfähige Konditionen anzubieten. Für institutionelle Investoren entstehen dadurch attraktive Anlagemöglichkeiten in der Fremdfinanzierung von Immobilien, Unternehmen und Infrastrukturprojekten.
Hill: Inwieweit sehen Sie die Gefahr, dass Banken sich aus dem Finanzierungsbereich teilweise oder sogar vollständig zurückziehen?
Thürmer: Banken und Sparkassen werden insbesondere in Deutschland auch künftig zentrale Ansprechpartner für Kreditfinanzierungen bleiben. Allerdings ist zu erwarten, dass sich Kreditinstitute stärker auf die Bindung von Bestandskunden konzentrieren – häufig zulasten des Neukundengeschäfts. Daraus ergibt sich eine klare Chance für Private-Debt-Fonds. Der Hausbankgedanke ist in Deutschland traditionell stärker ausgeprägt als etwa in den USA, Großbritannien oder den Benelux-Ländern. Dort finanzieren sich Unternehmen bereits heute zu einem deutlich höheren Anteil über Private-Debt-Strukturen.
Hill: Gehen Sie daher in den kommenden Jahren weiterhin von einem starken Marktwachstum aus?
Thürmer: Ja, eindeutig. Der Vermögensverwalter BlackRock kam in einer Studie aus dem Jahr 2025 zu dem Ergebnis, dass das weltweite Volumen von Private-Debt-Investments von aktuell rund 1,4 Billionen US-Dollar auf bis zu 3,5 Billionen US-Dollar anwachsen könnte. Dieses Wachstum wird auch Deutschland und Europa erfassen, wenngleich die Märkte hier traditionell bodenständiger strukturiert sind als in den USA. Bereits heute investieren insbesondere Versicherungsunternehmen in Deutschland stark in Private Debt und planen weitere Aufstockungen. Ein wesentlicher Faktor ist die regulatorische Behandlung: Unter Solvency II ist die Eigenkapitalunterlegung bei Fremdkapital deutlich niedriger als bei Eigenkapitalinvestments. Zusätzlich eröffnet die neu geschaffene Infrastrukturquote nun auch Altersvorsorgeeinrichtungen und weitere VAG-regulierten Investoren zusätzliche Spielräume für Fremdkapitalengagements.
Hill: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass institutionelle Investoren Mittel aus dem klassischen Anleihebereich in Private Debt umschichten, um Renditen zu optimieren?
Thürmer: Renditeoptimierung allein darf kein Maßstab sein – entscheidend ist immer das Verhältnis von Risiko und Ertrag. In den vergangenen Jahren haben sich einige Investoren, insbesondere in bestimmten Teilsegmenten, durch steigende Zinsen und rückläufige Immobilienbewertungen in schwierige Situationen manövriert. Vorstellbar sind jedoch Umschichtungen von liquiden Hochzinsanleihen mit schwacher Bonität in Private-Debt-Investments. Dadurch lässt sich die Kreditqualität verbessern, da vergleichbare Renditen im Private-Debt-Bereich häufig auch mit Investment-Grade-Strukturen erzielt werden können – nicht zuletzt aufgrund der Illiquiditätsprämie.

Hill: Wie positionieren sich aus Ihrer Sicht die Segmente Corporate Debt, Infrastructure Debt und Real Estate Debt in den kommenden Jahren?
Thürmer: Im Bereich Real-Estate-Debt sind Abschreibungen und Wertberichtigungen weitgehend verarbeitet. Die Immobilienmärkte haben sich stabilisiert und dürften perspektivisch wieder zulegen. Bei Neuinvestitionen sollte der Fokus stärker auf Wohnimmobilienfinanzierungen liegen und weniger auf gewerblichen Objekten. Corporate Debt gewinnt zunehmend an Bedeutung, insbesondere im Bereich der Mittelstandsfinanzierung. Großbanken ziehen sich hier teilweise selektiv zurück, was alternative Kreditgeber stärkt. Infrastructure Debt bleibt geprägt von der Finanzierung von Wind- und Solarparks. Gleichzeitig wird das Anlageuniversum durch neue Infrastrukturthemen weiter wachsen. Die Mehrheit der Investoren bevorzugt Senior Loans als etabliertes Finanzierungsinstrument, ergänzt durch Junior Loans zur gezielten Renditeoptimierung.
Hill: Ihre jährlich durchgeführte Studie „Präferenzen institutioneller Investoren bei Immobilien und alternativen Investments“ zeigte Anfang 2025, dass 36% der Befragten ihre Private-Debt-Allokation ausbauen wollen. Welche Tendenz erwarten Sie in der 2026er-Studie?
Thürmer: Die Studie werden wir im Februar/März 2026 zum sechsten Mal durchführen. Prognosen möchten wir bewusst vermeiden, doch das Marktumfeld erscheint weiterhin stabil. Die strukturellen Treiber – Regulierung, Finanzierungsbedarf und Nachfrage nach planbaren Erträgen – sind unverändert intakt.
Hill: Vielen Dank für das Gespräch.
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Foto: PIXABAY
Quelle: www.institutional-investment.de







